Alles, was du über Trennungsstress wissen musst
- 19. Feb.
- 14 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. März
Die meisten Hundemenschen führen ein Leben, in dem sie nicht ununterbrochen Zeit mit ihrem Hund verbringen können. Denn nicht überall kann der Hund mitkommen. Und oft wäre das ohnehin nicht unbedingt förderlich für den Hund.
In einer idealen Welt würde der Hund zuhause ruhig schlafen, während seine Menschen unterwegs sind.
Doch die Realität sieht für viele anders aus: Kaum fällt die Tür ins Schloss, wird der Hund unruhig, kratzt, winselt oder bellt. Und das Alleinbleiben wird zu einer echten Belastungsprobe.
Aber du bist damit nicht alleine!
Viele Menschen können ihren Hund nicht alleine lassen, müssen ihren Alltag um ihn herum organisieren, Termine absagen und können keine spontanen Treffen wahrnehmen. Und sie fühlen sich damit wahrscheinlich genauso überfordert, frustriert und hilflos wie du.
Damit du deinem Hund und dir helfen kannst, ist es wichtig, zu verstehen, warum dein Hund nicht alleine bleiben kann. Nur so kannst du das nachhaltig verändern.
In diesem Artikel erfährst du deshalb alles, was du wissen musst: Du lernst, was Trennungsstress ist und was es nicht ist. Wie du erkennst, ob dein Hund wirklich betroffen ist, welche Faktoren und Ursachen dafür sorgen, dass dein Hund nicht alleine bleiben kann und worauf es im Umgang und Training ankommt.
Das Ziel ist, dass dein Hund gelassener mit deiner Abwesenheit umgehen kann und du dir wieder mehr Freiheit in den Alltag zurückholen kannst.
Was ist Trennungsstress beim Hund?
Trennungsstress, oft auch Trennungsangst genannt, beschreibt das negative emotionale Erleben und das daraus resultierende Verhalten eines Hundes, sobald er von seinen Bezugspersonen getrennt wird.
Die Reaktionen können von leichter Unruhe bis zu massiven Reaktionen reichen. Jeder Hund kann seine Probleme beim Alleinbleiben dabei anders zeigen.
An sich ist Trennungsstress eine normale Reaktion sozialer Säugetiere. Sie schützt vor Gefahren, indem sie ein Verhalten auslöst, welches Trennungen verhindern oder beenden soll. Problematisch wird es erst, wenn diese Funktion nicht erfüllt werden kann und die Hunde trotzdem alleine gelassen werden. Denn darunter leiden die Hunde enorm.
Wenn du dich schon damit beschäftigt hast, was du tun kannst, wenn dein Hund nicht alleine bleiben kann, dann bist du dabei wahrscheinlich schon über verschiedene Begriffe wie Verlustangst, Kontrollverlust oder Isolationsstress gestolpert.
Und damit gehen scheinbar oft auch verschiedene Herangehensweisen einher.
Deswegen kann es schnell verunsichern, wenn man sich nicht sicher ist, warum genau der Hund nicht alleine bleiben kann.
Aber: Begriffe können helfen, ein Verhalten einzuordnen. Sie können aber auch in die Irre führen, besonders wenn sie Interpretationen und Bewertungen enthalten und dabei Individualität außer Acht lassen.
Nicht jeder Hund erlebt Trennungen gleich. Nicht jeder zeigt dieselben Emotionen oder Verhaltensweisen.
Was aber immer gleich bleibt: Dem Hund geht es während der Trennung nicht gut.
Deshalb sollte das Ziel immer dasselbe sein: Trennungen so zu gestalten und zu trainieren, dass dein Hund sie gut bewältigen kann.
Die Begriffe ändern daran nichts, aber sie können deinen Blick auf deinen Hund negativ beeinflussen.
Wenn wir von Kontrollverlust sprechen, schwingt mit, dass der Hund absichtlich etwas über Macht und Kontrolle erreichen will. Solche Interpretationen können auf den ersten Blick logisch wirken. Dein Hund will dich kontrollieren und traut dir nicht zu, dass du ohne ihn unterwegs bist.
Aber solche Interpretationen richten ihren Fokus auch schnell weg vom tatsächlichen emotionalen Zustand des Hundes hin zu einer Unterstellung, die sich gegen den Hund richtet und einfach nicht nachweisbar ist.
Ein möglichst wertfreier Blick ist deshalb unglaublich wichtig. Denn es macht einen Unterschied, ob du einem Hund begegnest, der dir bewusst „das Leben schwer macht“, oder einem Hund, der sich in einer belastenden Situation befindet.
Auch der Begriff Trennungsangst kann täuschen. Manche Hunde zeigen keine klassischen Angstreaktionen. Auch das kann schnell dazu führen, dass die Belastung für den Hund fehlinterpretiert und nicht ernst genug genommen wird.
Aber häufig mischen sich einfach mehrere Emotionen, wenn die Hunde unter der Abwesenheit ihrer Menschen leiden: Angst, Frust, Hilflosigkeit, Panik, Wut. Die Emotionen und ihre Intensität können variieren. Und trotzdem leiden sie alle unter dem Alleinsein.
Wichtig: Frust oder Wut machen einen Hund nicht schwierig oder schlecht. Es sind normale emotionale Reaktionen auf eine Situation, die er noch nicht anders bewältigen kann. Problematisch ist nicht die Emotion selbst. Die erfüllt sowohl bei Hunden als auch bei Menschen eine Funktion. Aber aufgrund des Umgangs mit ihr wird sie häufig so negativ wahrgenommen.
Der Begriff Trennungsstress wird der Komplexität der Thematik am ehesten gerecht, weil er nicht interpretiert, bewertet oder ausschließt und Raum lässt, jeden Hund individuell zu betrachten.
Du musst dir also im ersten Schritt keine Gedanken darum machen, wie du das Verhalten deines Hundes einordnest. Es reicht zu wissen, dass er ein Problem damit hat, wenn du nicht da bist. Aber woran genau kannst du das erkennen?
Hat dein Hund Trennungsstress?
Wahrscheinlich hast du diese Frage schon mit Ja beantwortet. Sonst würdest du diesen Artikel nicht lesen. Möglicherweise bist du dir aber auch noch unsicher, ob dein Hund unter deiner Abwesenheit leidet.
Hunde zeigen Trennungsstress sehr unterschiedlich. Es gibt nicht das eine Anzeichen, sondern eine ganze Bandbreite an möglichen Symptomen. Und nicht alle davon sind so offensichtlich wie das langanhaltende Bellen, über das sich die Nachbarn beschweren.
Manchmal wird Trennungsstress auch erst über Umwege entdeckt. Zum Beispiel weil sich der dauerhaft erhöhte Stress auf andere Lebensbereiche auswirkt: Der Hund reagiert empfindlicher, das Training stagniert und neue Baustellen tauchen auf.
Denn nicht wenige Hunde leiden eher unauffällig. Ein Hund, der still im Körbchen liegt, kann genauso unter Trennungsstress leiden wie ein Hund, der laut bellt und Möbel zerstört.
Deshalb ist es wichtig, Symptome nicht danach zu bewerten, wie sehr sie uns Menschen stören.
Es lohnt sich also, den Hund beim Alleinbleiben gelegentlich zu beobachten, auch ohne akuten Verdacht.
Kameras als wertvolles Hilfsmittel
Wenn du vermutest, dass dein Hund während deiner Abwesenheit leidet, sind Kameras ein sehr hilfreiches Werkzeug.
Sie liefern verlässliche Informationen, die deine Vermutungen untermauern und helfen dir, einen Trainingsplan zu entwickeln, der wirklich zum Hund passt.
Denn auch wenn wir nicht da sind: Wir müssen unsere Augen beim Hund haben, um zu sehen, wie er reagiert.
Zum Glück ist das mittlerweile recht leicht umzusetzen. Du brauchst dafür keine super teure Kamera mit einer Leckerlie-Funktion oder der Möglichkeit, mit deinem Hund sprechen zu können.
Es reicht, wenn du deinen Hund gut sehen und hören kannst. Idealerweise aus verschiedenen Blickwinkeln, je nachdem, wo er sich während des Alleinbleibens aufhält.
Symptome vor der Trennung
Vielleicht kennst du das auch: Sobald du dich fertig machst, um das Haus ohne deinen Hund zu verlassen, wird er schon unruhig.
Und egal, wie unauffällig du versuchst, dich zu verhalten: Er bekommt es doch mit. Als könnte er Gedanken lesen.
Viele Hunde reagieren nicht erst, wenn die Tür ins Schloss fällt. Sie haben bestimmte Reize mit einer bevorstehenden Trennung verknüpft:
bestimmte Tageszeiten
Geräusche oder Gerüche
kleine Veränderungen deiner Stimmung
wiederkehrende Abläufe
bestimmte Tätigkeiten
Der allseits bekannte Klassiker ist das Anziehen von Jacke und Schuhen oder das Klimpern des Schlüssels.
Aber oft sind die Auslöser viel subtiler. Unsere Hunde haben unglaublich feine Antennen und verknüpfen Dinge, die uns selbst oft nicht bewusst sind.
Ein ganz häufiger Tipp: Diese sogenannten Schlüsselreize zu desensibilisieren, damit sie für den Hund an Bedeutung verlieren. Also immer wieder die Jacke anziehen, ohne das Haus zu verlassen. Bis der Hund nicht mehr reagiert.
Dieses Training ist sehr mühselig und langwierig und am Ende hat man damit nur eine Sache erreicht: Dass man mit seiner Jacke am Küchentisch einen Kaffee schlürfen kann und der Hund sich dafür nicht interessiert. Am tatsächlichen Alleinbleiben ändert das noch nichts.
Symptome während der Trennung
Während deiner Abwesenheit kann sich ganz unterschiedlich zeigen, dass dein Hund nicht gut damit umgehen kann, wenn du ihn alleine lässt.
Lautäußerungen
Bellen, Jaulen, Winseln, Heulen
Zerstörung
Gegenstände werden zerbissen, zerrupft oder anderweitig beschädigt
Barrierefrust
Zielgerichtetes Beschädigen von Türen, Fenstern, Türgittern oder der Hundebox, um die Barriere zu überwinden
Körperliche Stressreaktionen
Hecheln, starkes Speicheln, Zittern, schwitzige Pfoten, erhöhte Herz- und Atemfrequenz, erhöhter Muskeltonus
Verdauung & Futter
Hektisches Schlingen oder Futterverweigerung, Absetzen von Kot und/oder Urin, Durchfall, Erbrechen
Aktivitätslevel
Rastloses Umherlaufen, ständiger Wechsel der Liegeplätze oder starker Rückzug, Erstarren, Lethargie
Selbstverletzendes Verhalten
Exzessives Wundlecken oder Verletzungen von Pfoten/Krallen z.B. beim Zerstören von Türen, weil der Hund seine eigene Schmerzgrenze überschreitet
Nicht jedes störende Verhalten während des Alleinbleibens ist automatisch Trennungsstress. Es kommt stark auf den Kontext an. Unsauberkeit kann zum Beispiel auf ein gesundheitliches Problem hindeuten, Bellen könnte auch nur bedeuten, dass der Postbote oder die Nachbarskatze vorm Haus waren und manche Hunde plündern den Müll einfach, weil es Spaß macht und niemand sie dabei unterbricht, wenn sie alleine sind.
Symptome nach der Trennung
Auch nach deiner Rückkehr zeigt sich oft noch, wie belastend die Trennung für deinen Hund war:
überdrehte, extreme Begrüßung
Urinieren aus Aufregung
Trinken oder Fressen erst nach deiner Rückkehr
deutliche Erschöpfung
Während Adrenalin meist schnell wieder abgebaut wird, bleibt das Stresshormon Cortisol deutlich länger im Körper, bis es wieder abgebaut ist.
Das bedeutet: Auch wenn du längst zurück bist, kann es dauern, bis dein Hund innerlich nicht mehr unter Spannung steht. Vielleicht ist er deswegen weniger belastbar als sonst, reagiert empfindlicher und ist schneller überfordert.
Langfristige Auswirkungen von Trennungsstress
Wenn dein Hund regelmäßig über einen längeren Zeitraum hinweg Trennungsstress erlebt, kann sich das nachhaltig auf seine Lebensqualität auswirken.
Manche Hunde wirken insgesamt aufmerksamer. Als müssten sie jederzeit bereit sein, nichts zu verpassen. Echtes Abschalten wird dadurch schwierig und die Schlafqualität kann leidet.
Ein dauerhaft erhöhtes Stresslevel kann außerdem zu schnellerer Frustration und geringerer Impulskontrolle führen. Und das wiederum kann andere Probleme begünstigen. Es besteht also in jedem Fall Handlungsbedarf.
Warum können manche Hunde alleine bleiben und andere nicht?
Der Hund ist zu verwöhnt, man ist nicht konsequent genug, greift nicht genug durch, hat etwas in der Erziehung versäumt oder der Hund hat einfach einen schlechten Charakter und will seine Menschen kontrollieren.
In der ein oder anderen Form hast du das wahrscheinlich schon gehört oder selbst gedacht. Schließlich klappt es bei den anderen ja auch mit dem Alleinbleiben.
Aber Hunde sind, genau wie wir Menschen, sehr individuell. Und nur weil nicht jeder Mensch Angst vorm Zahnarzt hat, heißt das trotzdem nicht, dass die Menschen mit dieser Angst verwöhnt sind.
Unsere Hunde leben in einer Welt voller Erwartungen und Anforderungen. Ihre Bedürfnisse müssen sich daran anpassen. Das klappt aber nicht immer reibungslos.
Trennungsstress ist vielschichtig. Es gibt selten die eine Ursache, sondern oft kommen mehrere Faktoren zusammen.
Wichtig: Hinter Trennungsstress können immer auch Schmerzen und körperliche Erkrankungen liegen. Gerade, wenn Trennungsstress sehr plötzlich auftritt, sollte das immer tierärztlich abgeklärt werden.
Entsteht Trennungsstress durch zu viel Bindung?
Trennungsstress hat ganz neutral betrachtet die Funktion, Trennungen von überlebenswichtigen Bindungspersonen zu verhindern oder zu beenden. Weil eine Trennung eine potenzielle Gefahr darstellen kann.
Gleichzeitig leben die meisten unserer Hunde in sicheren Wohnungen oder Häusern und sind dabei nicht wirklich irgendwelchen Gefahren ausgesetzt.
Könnte es also an einer übermäßigen Bindung liegen, dass sie trotz der Abwesenheit drohender Gefahren nicht auf uns verzichten können?
Jedenfalls wird nicht selten empfohlen, dass man die Bindung reduzieren soll: der Hund soll nicht mehr aufs Sofa oder mit im Bett schlafen, man soll ihn konsequent ignorieren und nicht darauf eingehen, wenn er spielen oder kuscheln will.
Das Problem: Bindung ist im Zusammenleben und Training mit Hunden eine wertvolle Ressource. Bindung lässt sich jedoch nicht situativ regulieren. Wir können nicht entscheiden, wann sie erwünscht ist und wann nicht.
Hinzu kommt, dass bindungsreduzierende Maßnahmen für viele Hunde erhebliche Stressoren sind und das Fehlen von sozialer Rückmeldung sind auf ihr Wohlbefinden auswirkt.
Und würde diese Theorie so stimmen, dann dürften Hunde, die unter widrigen Bedingungen leben und Gewalt erfahren, nur wenig Bindung zu ihren Menschen haben. Doch selbst diese Hunde können Trennungsstress entwickeln.
Bindung ist im Zusammenleben mit unseren Hunden nicht wegzudenken. Sie pauschal als Problem bei Trennungsstress zu betrachten, funktioniert deswegen nicht.
Wenn man aber den Gedanken etwas weiterspinnt, kommt man zu einem Punkt, der sehr viel einleuchtender ist.
Bindung vs. Abhängigkeit
Zwischen Hunden und ihrem Menschen besteht nicht nur Bindung, sondern auch eine Abhängigkeit.
Ihr Wohlbefinden hängt in hohem Maß davon ab, ob und wie wir ihre Bedürfnisse erfüllen. Anders als wir können sie darüber kaum selbstständig entscheiden.
Hunger, Durst, eine volle Blase, Müdigkeit, Bewegungsdrang oder das Bedürfnis nach sozialer Interaktion, um nur die Offensichtlichsten zu nennen. Dazu kommen je nach Hund und Persönlichkeit noch eine Reihe ganz individueller Bedürfnisse.
Viele Hunde sind darauf angewiesen, dass ihre Menschen den Rahmen dafür schaffen.
Diese Abhängigkeit spielt beim Thema Trennungsstress oft eine größere Rolle als die Bindung selbst.
Denn wenn ihre Menschen verschwinden, dann verschwindet häufig auch der einzige Zugang zur Bedürfnisbefriedigung. Der Mensch hat damit einen unglaublich hohen Stellenwert im Leben des Hundes.
Wird ein Hund dann auch noch durch bindungsreduzierende Maßnahmen im gemeinsamen Alltag stark eingeschränkt oder ignoriert, reduziert das seine Möglichkeiten noch mehr, seine Bedürfnisse zu regulieren. Statt mehr Unabhängigkeit erreicht man so also eher das Gegenteil.
Negative Einflussfaktoren
Wie gut ein Hund Trennungen bewältigen kann, hängt auch von seiner allgemeinen Belastbarkeit ab. Hunde mit weniger Ressourcen kommen schneller an ihre Grenzen.
Alter und Hormone
Kognitive Veränderungen
Schmerzen oder Erkrankungen
Schwierige Aufzuchtbedingungen
Tierheimaufenthalt
Geräuschsensibilität oder Angstproblematiken
Negative Erfahrungen während des Alleinbleibens
Große Veränderungen wie Umzug oder Jobwechsel
Generell erhöhtes Stresslevel
Unerfüllte Bedürfnisse
Fehlendes oder überforderndes Training
Und auch Hunde, die schon problemlos alleine bleiben konnten, können unter veränderten Bedingungen Trennungsstress entwickeln.
Ein Bild hilft, das greifbarer zu machen

Stell dir für jeden Hund ein Reagenzglas vor. Hugo, Edda und Bruno.
Jedes Glas startet mit einem unterschiedlichen Füllstand. Dieser steht für die jeweilige Ausgangslage.
Hugo
Hugo kommt aus einer guten Zucht mit stabilen Elterntieren, wurde gut sozialisiert und hat bisher kaum negative Erfahrungen gemacht. Er ist gesundheitlich fit und grundsätzlich eher gelassen.
Sein Reagenzglas ist nur wenig gefüllt.
Edda
Edda kommt aus dem Tierschutz. Geräusche und Veränderungen verunsichern sie schnell. Ihre Vorgeschichte ist nicht vollständig bekannt, aber vermutlich nicht durchweg positiv.
Ihr Reagenzglas ist bereits deutlich voller.
Bruno
Bruno hatte einen guten Start ins Leben. Doch sein Wesen und seine Bedürfnisse passen nur bedingt zu den Anforderungen seiner Familie. Er ist sensibel und fährt schnell hoch.
Auch sein Reagenzglas ist sichtlich gefüllt.
Schauen wir uns Edda genauer an
Ihr Reagenzglas ist bereits zu einem guten Teil gefüllt. Durch ihre Vorgeschichte und durch ihre Unsicherheiten im Alltag. Trotzdem konnte ihre Besitzerin sie nach dem Einzug ins neue Zuhause alleine lassen.
Dann kommen weitere Einflüsse hinzu:
Edda entwickelt Magenprobleme und leidet häufiger unter Sodbrennen. Das wirkt sich auf ihr Wohlbefinden und ihre Stresstoleranz aus.
Zusätzlich zieht ihre Besitzerin mit ihr um. Weg aus der Stadt, an den Waldrand. Gedacht als Entlastung, weniger Lärm, mehr Ruhe.
Doch direkt am Wald nimmt Eddas Jagdleidenschaft neue Dimensionen an. Sie läuft überwiegend an kurzer Leine. Spaziergänge sind angespannt.
Neue gruselige Geräusche kommen hinzu, etwa wenn der Nachbar Holz häckselt.

All das erhöht den Füllstand so, dass ihr Reagenzglas überläuft: Edda kann nicht mehr gut alleine bleiben und entwickelt Trennungsstress.
Bei Bruno kann das ähnlich schnell passieren. Und selbst der robuste Hugo ist nicht davor geschützt. Kommen genügend oder ausreichend schwere Faktoren zusammen, erreicht auch er seine Grenze.
Im Alter etwa: Gelenkschmerzen können ihn sensibler machen. Eine beginnende Demenz oder nachlassende Sinne könnten dazu führen, dass er das Weggehen seiner Menschen nicht mehr richtig einordnen kann. Wenn er sie dann vergeblich sucht, kann auch das Trennungsstress auslösen.
Positive Einflussfaktoren
Genauso wie Belastungen das Reagenzglas füllen, können Ressourcen das Fassungsvermögen vergrößern:
Sichere Umgebung
Ein Ort, an dem der Hund sich wohl und sicher fühlt und selbstständig Bedürfnisse erfüllen kann.
Bedürfnisbefriedigung
Ein Hund, dessen Bedürfnisse zuverlässig erfüllt sind, startet aus einer deutlich stabileren inneren Lage ins Alleinsein.
Regulationsstrategien
Hunde, die Wege kennen, sich selbst zu beruhigen und Spannung abzubauen, geraten weniger schnell in Überforderung.
Selbstwirksamkeit
Hunde, die erleben, wie ihr Handeln etwas bewirkt, fühlen sich weniger hilflos.
Sichere Bindung
Die Gewissheit, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht, stärkt das emotionale Wohlbefinden.
Erwartungssicherheit:
Klare Abläufe und verlässliche Strukturen sorgen dafür, dass der Hund nicht unvorbereitet mit Situationen konfrontiert wird, die er noch nicht bewältigen kann.
Diese Punkte ersetzen kein Training, schaffen aber gute Voraussetzungen. Und sie wirken weit über das Thema Alleinbleiben hinaus, weil sie die Lebensqualität insgesamt positiv beeinflussen.
Was du tun kannst, wenn dein Hund nicht alleine bleiben kann
Neben den bereits erwähnten positiven Einflussfaktoren gibt es eine ganze Menge an Ratschlägen, Tipps, Hilfsmitteln und Herangehensweisen, die helfen sollen, deinem Hund das Alleinbleiben beizubringen.
Der Markt bietet viele Produkte und auch einige Trainingstipps versprechen teilweise schnelle Lösungen. Dabei sind nicht alle sinnvoll und wirksam. Und einige sind sogar kontraproduktiv.
Es gibt aber auch Hilfsmittel, die unterstützen können. Trotzdem gibt es keine Wundermittel, die gezieltes Training ersetzen.
Damit du einschätzen kannst, was sinnvoll ist, muss zunächst das Ziel geklärt werden: Was wollen wir erreichen und wie tragen die einzelnen Maßnahmen dazu bei?
Wie erfolgreiches Alleinbleiben wirklich aussieht
Viele stellen sich unter entspanntem Alleinbleiben einen Hund vor, der ruhig auf seinem Platz wartet oder schläft, bis seine Menschen zurückkommen.
Diese Erwartungshaltung ist durchaus nachvollziehbar. Es ist jedoch weder besonders realistisch noch zwingend erstrebenswert.
Hunde haben keinen Ausschalter, keinen Pausenknopf. Ihr Leben läuft weiter, auch wenn wir außer Haus sind. Mehrere Stunden nahezu regungslos auszuhalten, ist deswegen kein sinnvolles Ziel.
Ein stimmigeres Bild ist ein Hund, der seine Zeit eigenständig nutzen kann. Er bewegt sich durch die Wohnung, wechselt Liegeplätze, trinkt, frisst, beschäftigt sich, beobachtet. Vielleicht reagiert er kurz auf den Nachbarshund und kommt danach wieder zur Ruhe.
Ein Hund ohne Trennungsstress wird wahrscheinlich den Großteil der Zeit ruhen, aber selbstständige Aktivität ist Teil eines guten Umgangs mit dem Alleinsein.
Wir möchten einen Hund, der sich wohlfühlen kann. Dafür braucht es keinen dauerhaften komatösen Zen-Zustand.
Training, Management und co.

Management
Trennungen finden nur noch in einem Rahmen statt, den dein Hund bewältigen kann.
Wohlbefinden
Je besser es deinem Hund insgesamt geht, desto mehr Ressourcen hat er.
Training
Dein Hund lernt, dass Trennungen nicht bedrohlich sind und er sie bewältigen kann.
Medikamente
Manchmal ist medizinische Unterstützung sinnvoll.
Jede Ebene trägt die nächste. Fehlt die Basis, kann Training nicht nachhaltig wirken. Medikamente sind dabei immer unterstützend und kein Ersatz für Training.
Gutes Trennungsstresstraining ist mehrschichtig und besteht aus verschiedenen Bausteinen. Management und Training gehen dabei Hand in Hand.
Damit dein Hund im Training die Erfahrung machen kann, dass Trennungen nicht schlimm sein müssen, ist es wichtig, dass er keine weiteren belastenden Erfahrungen mehr macht. Nur so kann das Training wirken.
Dein Hund sollte also nur so lange alleine bleiben, wie er es auch gut bewältigen kann. Für alles andere brauchst du eine verlässliche Betreuungsstruktur.
Wenn dein Hund nicht mehr ständig Trennungsstress ausgesetzt ist, kann sich sein System wieder entspannen. Auch das ist wichtig für die Lernfähigkeit deines Hundes.
Weiter geht es mit dem Zuhause. Wie hundegerecht ist die Wohnung eingerichtet? Welche Möglichkeiten hat dein Hund, sich selbstständig zu beschäftigen und auf seine Bedürfnisse einzugehen?
Eine gut gestaltete Wohnung unterstützt das Training und erhöht die Lebensqualität deines Hundes insgesamt.
Das Alleinbleiben üben
Das eigentliche Training zielt darauf ab, Trennungen kleinschrittig zu desensibilisieren. Dein Hund soll die Erfahrung machen können, dass das Alleinsein nicht schlimm ist. Dabei handelt es sich aber um einen etwas komplexeren Vorgang als das klassische „Rein-Raus-Training“.
Und auch pauschale Zeitangaben, von denen man immer wieder liest, sind hier wenig hilfreich. Denn die Trennungen müssen sich individuell nach dem Hund richten, damit er sie tatsächlich bewältigen kann und du die Dauer mit der Zeit erfolgreich steigern kannst.
Ein guter Trainingsplan und eine Dokumentation des Trainings helfen, Fortschritte zu beobachten, Stolpersteine zu erkennen und das Training realistisch anzupassen.
Und weil eine Frage ganz häufig auftaucht: Ja, du darfst deinen Hund verabschieden und auch begrüßen. Beides können wertvolle Bausteine im Training sein, wenn sie gut gestaltet werden.
Medizinische Unterstützung
In einigen Fällen kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein. Und das umfasst bei Themen wie Trennungsstress nicht nur die Begleitung durch eine Hundetrainerin sondern auch durch eine Verhaltensmedizinerin.
Medikamente können das Training erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen.
Für einige Menschen kann das mit viel Überwindung einhergehen, weil die Hemmschwelle für medikamentöse Unterstützung recht hoch ist. Aber Medikamente können eine echte Brücke bilden und gibt keinen Grund, dich und deinen Hund unnötig lange zu quälen, um es ohne zu schaffen.
Du darfst dich und deinen Hund entlasten.
Falls du Zweifel haben solltest, hilft es dir vielleicht, dir vor Augen zu führen, dass die Entscheidung für oder gegen Medikamente keine endgültige Entscheidung ist. Du hast die Möglichkeit, eure Situation immer wieder neu zu bewerten und etwas anzupassen.
Grenzen von Training
Alleinbleibtraining kann viel leisten, hat aber auch klare Grenzen. Mehrstündige tägliche Abwesenheiten für 8 Stunden sind kein vertretbares Trainingsziel.
Training ersetzt kein liebevolles Zusammenleben. Es soll den Hund sicherer und selbstständiger in deiner Abwesenheit machen, ihn aber nicht darauf vorbereiten, den Großteil seines Lebens ohne dich zu verbringen. Dafür sind die meisten Hunde einfach nicht gemacht.
In solchen Fällen können Hundesitterinnen oder Dogwalkerinnen eine wertvolle Entlastung sein.
Lebensqualität für euch beide
Trennungsstress ist emotional belastend und häufig mit einem langen Leidensweg verbunden. Aber nicht nur für deinen Hund, sondern eben auch für dich.
Deswegen ist mir ganz wichtig, an dieser Stelle einmal zu sagen, dass es völlig normal und verständlich ist, wenn auch mal doofe Gedanken und Gefühle aufkommen.
Schuld, weil du es gern besser gemacht hättest und dich vielleicht verantwortlich fühlst für eure Lage. Scham, weil du es bis jetzt einfach nicht geschafft hast, da raus zu kommen und deinem Umfeld das Verständnis fehlt.
Das Gefühl, versagt zu haben und immer wieder aufs Neue zu versagen. Erschöpfung und Frust, weil es nicht vorwärts geht. Vielleicht sogar Neid auf die Menschen, bei denen es scheinbar einfach so problemlos klappt.
Und gerade wenn dein Hund noch weitere Baustellen hat, die euch belasten, kommen vielleicht öfter Zweifel auf oder das Gefühl, es zu bereuen, einen Hund zu haben.
Solche Gedanken darfst du haben! Auch wenn du deinen Hund über alles liebst. Versuche, dich dafür nicht zu verurteilen. Trennungsstress ist einfach anstrengend und nervig und scheiße.
Zeit für dich
Deswegen: Wenn du die Möglichkeit hast, deinen Hund auch mal außerhalb von wichtigen Terminen und Arbeitszeiten in Betreuung zu geben und du ihn dort gut versorgt weißt, dann nimm dir diese Zeit aktiv.
Deine eigene Erholung ist genauso wichtig wie das Wohlbefinden des Hundes. Also lade deine Akkus auf und atme durch. Nur wenn es dir gut geht, kannst du dich langfristig gut um deinen Hund kümmern.
Gemeinsame Momente bewusst gestalten
Gerade wenn Trennungsstress auch eure Beziehung zueinander unbewusst belastet, kann es helfen, ganz achtsam die gemeinsame Zeit zu verbringen, sich bewusst neue Gassistrecken zum gemeinsamen Erkunden zu suchen oder ein gemeinsames neues Hobby zu entdecken.
Die gemeinsame Zeit mit deinem Hund darf und soll vor allem auch Spaß machen. Das kann man manchmal vergessen, gerade wenn man an mehreren größeren Baustellen mit seinem Hund trainiert.
Wenn du also nur eine Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese: Überlege bewusst, ob ihr heute schon etwas Schönes zusammen erlebt habt. Auch ganz kleine Momente zählen.
Denn gerade weil Trennungsstress so ein belastendes Thema ist, ist es wichtig, bewusst Raum für Leichtigkeit und schöne Momente zu schaffen.
Und irgendwann wird auch wieder Raum da sein für Kino, Kaffee oder Büro. Und zwar ohne Wauz.