Das hilft, wenn dein Hund bellt, sobald er alleine ist
- 25. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. März
Mal eben schnell die Einkäufe erledigen oder Termine ohne Wauz wahrnehmen ist für dich wahrscheinlich kaum möglich, wenn dein Hund bellt, jault und winselt, sobald du ihn alleine lässt.
Und als wäre das alleine nicht belastend genug, zieht das Gebell oft auch noch die Aufmerksamkeit deiner Nachbarn und im schlimmsten Fall deines Vermieters auf sich, was den Druck zusätzlich erhöht.
Doch am meisten leidet wohl dein Hund unter dieser Situation. Wenn er bellt, sobald er alleine ist, liegt das nämlich nicht an schlechter Erziehung, schlechtem Benehmen oder Trotz, sondern ist oft ein deutliches Zeichen für Trennungsstress.
Wenn Bellen nur die Spitze des Eisbergs ist
Bellen, Winseln oder Jaulen beim Alleinbleiben gehören zu den auffälligsten Symptomen von Trennungsstress. Dabei zeigen viele Hunde noch deutlich mehr Anzeichen.
Sie laufen unruhig hin und her
Hecheln stark, speicheln oder zittern
Setzen Urin oder Kot ab, obwohl sie eigentlich stubenrein sind
Zerstören Gegenstände oder Türen
Verweigern Futter oder Wasser
Dass dein Hund bellt, wenn er alleine ist, bedeutet vor allem eines: Er zeigt seinen Stress sehr deutlich. Und damit wird sein Leiden sichtbarer als bei Hunden, die still und teilweise sogar unbemerkt an ihrem Trennungsstress leiden.
Warum Bellen beim Alleinbleiben kein Fehlverhalten ist
So belastend das Bellen auch ist: Es ist kein Zeichen von Ungehorsam oder schlechter Erziehung. Im Gegenteil. Evolutionär gesehen hat dieses Verhalten einen großen Nutzen und kann überlebenswichtig sein.
Lautäußerungen bei Trennung sind ein angeborenes Verhalten. Welpen, die von ihrer Mutter getrennt werden, machen durch Rufen auf sich aufmerksam. Denn alleine könnten sie nicht überleben. Sie sind abhängig davon, dass sie von jemandem umsorgt werden.
Und auch unsere Hunde leben in einer engen Abhängigkeit zu uns. Wir entscheiden:
Wann und was sie fressen
Wann sie sich lösen dürfen
Wohin und wie lange sie sich bewegen dürfen
Wann und wo sie schlafen
Wie sicher ihre Welt ist
Mit wem sie Kontakt haben dürfen/müssen
Und das sind nur die Grundbedürfnisse. Dazu kommen bei jeden Hund ganz individuelle ausgeprägte Bedürfnisse, über die wir ebenfalls oft entscheiden und die in direktem Zusammenhang mit uns stehen.
Wenn wir unsere Hunde alleine lassen, dann verlieren sie oft gleichzeitig die Möglichkeit, viele ihrer Bedürfnisse zu befriedigen. Das Bellen ist dann häufig nichts anderes als ein Komm zurück, ich brauche dich.
Wenn Rufen zu Frust wird und Frust zu Panik
Am Anfang bellen Hunde häufig, um Kontakt herzustellen. Bleibt diese Reaktion erfolglos, mischen sich schnell weitere Emotionen dazu: Frust, Hilflosigkeit und Angst. Der Stresspegel steigt immer weiter an und kann sich bis zu richtiger Panik entwickeln.
Und das wiederum begünstigt, dass der Hund immer weiter bellt.
Wenn dein Hund bellt, sobald er alleine ist, tut er das also nicht, um dich zu kontrollieren, zu bestrafen oder zu manipulieren. Sondern weil es ihm wirklich nicht gut geht.
Aber er bellt erst nach 30 Minuten..
Wenn dein Hund am Anfang scheinbar problemlos alleine bleibt und erst nach einer gewissen Zeit anfängt, zu bellen, dann spricht das nicht zwingend dafür, dass dein Hund am Anfang keinen Trennungsstress hat.
Viele Hunde zeigen bereits lange vor dem ersten Bellen deutliche Stressanzeichen und eskalieren nicht sofort.
angespannte Körperhaltung
häufiges Aufstehen und Hinlegen
Hecheln oder vermehrtes Gähnen
Fixieren der Tür
Deswegen ist eine Kamera bei Trennungsstress oder dem Verdacht darauf unumgänglich. Nur so lässt sich sicher herausfinden, ob dein Hund während deiner Abwesenheit still leidet und ab wann sein Trennungsstress wirklich beginnt.
Wachsam oder gestresst? Ein wichtiger Unterschied
Dabei ist nicht jedes Bellen deines Hundes während deiner Abwesenheit automatisch Trennungsstress. Gerade wenn es sich um punktuelles Bellen handelt, weil dein Hund zum Beispiel Geräusche im Treppenhaus wahrnimmt, es an der Tür klingelt oder die Nachbarskatze durch den Garten streift.
Wichtig ist die Frage: Reagiert dein Hund auch so, wenn du zuhause bist? Und: Kann er sich danach wieder beruhigen?
Ist das Bellen situativ und endet von selbst, muss das kein Zeichen von Trennungsstress sein. Bleibt dein Hund jedoch dauerhaft angespannt, lohnt es sich, nochmal genauer hinzugucken.
Was gut gemeint ist und trotzdem nicht hilft
Wenn der Druck durch Nachbarn und Vermieter steigt, braucht es oft eine schnelle Lösung. Leider sind einige Sachen, die diese schnellen Lösungen versprechen, nicht nur wenig hilfreich sondern sehr belastend für die Hunde.
Antibellhalsbänder
Das Versprechen ist simpel: Der Hund wird für das Bellen bestraft und stellt es daraufhin ein. Einfachste Lerntheorie sozusagen. In der Realität passiert aber oft etwas anderes:
Ungenaue Strafe, da auch andere Geräusche das Halsband auslösen können
Schreck- oder Schmerzreiz, der ein weiterer Angstauslöser sein kann
Zusätzlicher Stress in einer ohnehin belastenden Situation
Keine Ursachen-, sondern reine Symptombekämpfung
Möglicher Gewöhnungseffekt kann eintreten
Manche Hunde bellen tatsächlich weniger, leiden dann aber still weiter und verlagern ihre Symptome. Man kann Trennungsstress nicht wegstrafen.
Einfach bellen lassen, bis er aufgibt
Dieser Tipp ist für die Hunde extrem belastend. Trennungsstress löst sich nicht durch Gewöhnung im Sinne von „Augen zu und durch“. Was stattdessen passieren kann:
Der Hund steigert sich immer weiter hinein
Die Symptome verschlimmern sich
Weitere Symptome kommen hinzu (z.B. exzessives Wundlecken)
Oder der Hund wird tatsächlich still, aber aus Erschöpfung
Stillsein aus Erschöpfung hat nichts mit Entspannung zu tun und wird langfristig nicht helfen. Nach einer Erholungsphase beginnt das Bellen beim nächsten Mal oft von vorne.
Erst zurückkommen, wenn der Hund ruhig ist
In der Theorie klingt das erstmal logisch. Man möchte das Bellen mit der eigenen Rückkehr nicht verstärken. In der Praxis bedeutet das oft, auf einen Moment vermeintlicher Entspannung zu warten, die in so einem stressigen Kontext gar nicht mehr auftreten kann.
Die Trennungsdauer war viel zu lang
Der Hund war längst im massiven Stress
Und was tut man, wenn der Hund keine Pausen einlegt?
In solchen Situationen geht es um Schadensbegrenzung. Der Hund ist bereits eskaliert und tief im Trennungsstress. Die Vermeidung weiterer negativer Verknüpfungen ist wichtiger als jede theoretische Trainingsregel.
Was wirklich hilft, wenn dein Hund bellt, sobald er alleine ist
Die einzig faire Konsequenz ist es, deinen Hund vorerst nicht mehr alleine zu lassen, weil er es gerade einfach noch nicht gut bewältigen kann.
Und dabei geht es nicht darum, die Augen vor dem Problem zu verschließen, sondern zu vermeiden, dass
Der Trennungsstress sich immer weiter festigt
Dein Hund immer wieder erlebt, dass das Alleinsein bedrohlich ist
Training nicht greifen kann
Das ist also keine endgültige Lösung, sondern der erste notwendige Schritt.
Training bei Trennungsstress
Damit die bedrohlichen Trennungen für deinen Hund möglichst neutral werden, ist es notwendig, deine Abwesenheit kleinschrittig zu desensibilisieren.
Dabei ist eines besonders wichtig: Es gibt keine pauschalen Zeitangaben, die für alle Hunde funktionieren.
Aussagen wie „erst 15 Sekunden, dann 30 Sekunden“ oder gar feste Steigerungen um mehrere Minuten klingen erstmal nach nicht viel. Aber ein Hund, der bereits stark reagiert, wenn die Tür ins Schloss fällt, verträgt noch keine fünfzehnsekündige Trennung. Hier muss man kleiner ansetzen.
Was man aber durchaus pauschal empfehlen kann: Das Wohlbefinden deines Hundes zu steigern. Denn Wohlbefinden ist ein wichtiger Gegenspieler von Trennungsstress.
Stärken kannst du das Wohlbefinden deines Hundes durch:
Das Minimieren von Stressoren im Alltag
Selbstwirksamkeitserfahrungen („Ich kann etwas bewirken“)
Erwartungssicherheit
Eine sichere, verlässliche Bindung
Passende Bedürfnisbefriedigung
Eine sichere Wohlfühlumgebung
Je stabiler sich dein Hund insgesamt fühlt, desto besser kann er mit schwierigen Situationen umgehen.
Erfolgreiches Training besteht deswegen nicht nur aus dem reinen Training an der Trennungsdauer, sondern wird durch viele Einflussfaktoren mitbestimmt.
Mit der richtigen Unterstützung kann dein Hund lernen, dass Alleinsein nichts Bedrohliches ist. Damit du wieder entspannt aus dem Haus kannst. Ohne schlechtes Gewissen und ohne Wauz.